Emotional gestolpert

A-HBO-stolpersteine-lister-meile-hannoverIch verließ das Kaufhaus und betrat die Lister Meile. Es hatte zu regnen begonnen und der kühle Wind ließ mich frösteln. Als ich den Reißverschluss meiner Jacke zuzog, fiel mein Blick auf den Boden. Unter mir glänzte  ein goldener Belag. „Was ist das? “ Ich trat einen Schritt zurück. Vor mir lagen nun acht goldene Quadrate zwischen braunen Pflastersteinen. Auf den Quadraten waren Namen eingraviert. Ich las: Hier wohnte Erna Jacobs, geb. Goldwein, Jg. 1905, deportiert 15.12.1941, tot in Riga. Die angrenzenden Steine hatten denselben Wortlaut mit anderen Namen: Hier wohnte …, Jahrgang …, verhaftet …, deportiert …, tot in…
Mich fröstelte es erneut, aber diesmal über die Tatsache, an einem Tatort zu stehen. Mitten auf einer stark frequentierten Einkaufsstraße, 74 Jahre später. Ich blickte die Fassade des Hauses hoch, in dem acht Personen jäh aus ihrem Leben gerissen wurden. Vielleicht sah das Haus damals anders aus, vielleicht war es durch den Krieg sogar gänzlich zerstört worden. Ich weiß es nicht. Letztendlich spielte das aber für mich auch keine Rolle. DASS es hier geschah, das war das Wesentliche. Es waren HannoveranerInnen so wie ich eine Hannoveranerin bin. Hätte ich damals gelebt, hätten es meine Nachbarn gewesen sein können.
Die Steine wurden auf den Boden angebracht, nicht in die Häuserwand. Warum? Hatte das eigentumsrechtliche Gründe? Oder war es von Anfang an so geplant? Ein beklemmendes Gefühl stieg in meiner Magengegend auf. Es war das gleiche Gefühl, wie wenn ich auf dem Friedhof versehentlich auf einer in den Boden eingelassenen Grabplatte stehe. Ein Gefühl, als ob ich das Grab mit meinen Füßen entehrt hätte.
Die goldenen Steine ließen mich die nächsten Tage nicht mehr los und ich fing an zu recherchieren. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ Geleitet von dieser Idee gedenkt der Kölner Künstler Gunter Demnig europaweit mit seinem Kunstprojekt „Stolpersteine“ den Opfern des Naziregimes: Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma und anderen Verfolgten wie den Zeugen Jehovas. In rund 1.100 Orten wurden bereits über 46.000 Steine verlegt. Die Übersichtskarte von Hannover zeigt, wo im Stadtgebiet die Stolpersteine zu finden sind. Wer möchte, kann für die eingravierte Erinnerung an ein Menschenschicksal die Patenschaft übernehmen. Die Steine mit Messingplatten werden vor den letzten frei gewählten Wohnungen der Deportierten angebracht.

Weitere Infos auf Netzwerk Erinnerung + Zukunft und Stolpersteine von Gunter Demnig.

Autor: Fotohabitate

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