Karibischer Darß

Es gibt Orte, die ich so schön finde, dass ich sie mehrmals besuche. Und es gibt Orte, die mehr als das für mich bedeuten. Orte, an denen ich mich heimisch fühle, weil sie meine innersten Bedürfnisse befriedigen.

Die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst, genauer gesagt Prerow im hohen Norden von Mecklenburg-Vorpommern, ist genau so ein Ort.

Die 45 km lange Halbinsel zwischen Rostock und Stralsund bestand einst aus den Inseln Fischland, Zingst und dem Darß. Natürliche Abtragungs- und Anlandungsprozesse von Sand und letztlich die Schließung der Flutrinnen im 19. Jahrhundert ließen die heutige Halbinsel entstehen und verändern ihr Gesicht noch heute.

Für die Einheimischen unverändert blieb dagegen die Unterteilung ihrer Heimat in das Fischland im Westen, in Zingst im Osten und in den vom Wald geprägten Darß im Herzen der Halbinsel.

Bäume und Farn im Wald
Der rund 47 km² große Darßer Wald ist Schutzgebiet.

Auf Fischland-Darss-Zingst gibt es einige wunderbare Orte. Ich mag Ahrenshoop auf Fischland mit seinem bunten Künstlerleben, das etwas mondäner wirkende Zingst und natürlich das charmante Born, das südlich des Darß idyllisch am Koppelstrom liegt.

Aber mein Herz gehört Prerow auf dem Darß. Das alte Fischer- und Seefahrerdorf ist so herrlich unaufgeregt mit vielen verborgenen Schönheiten, die sich gerne entdecken lassen möchten. Beispielsweise die alte Seemannskirche, die hinter uralten Grabsteinen ihren markanten Holzturm in die Höhe reckt.

Die Seemanskirche Prerow stammt aus dem Jahr 1729.

Oder die mit vielen bunten Pflanzenmotiven verzierten Haustüren der reetgedeckten Kapitänshäuser. Doch vor allem ist Prerow ein perfekter Ort für Naturliebhaber und Ruhesuchende mit vielen freundlichen Einwohnern, die den Ort so l(i)ebenswert machen.

Es macht Freude, die Straßen von Prerow entlang zuschlendern. Und es ist auch ziemlich egal, in welche Richtung man geht und sich den frischen Ostseewind durch die Haare wehen lässt.

Der Darßer Wald grenzt direkt an den Weststrand.

Man kann nichts verkehrt machen, denn entweder landet man am feinsandigen weißen Nordstrand, am Prerowstrom oder kommt durch den schönen Darßer Urwald zum wilden Weststrand mit seinen berühmten Windflüchtern.

Windgebeugter Strauch am Strand
Hier herrscht Wind!

Und wer Lust hat, läuft einfach den Rundwanderweg vom Nordstrand Prerows über den Darßer Nothafen hinüber zum Darßer Ort. Hier, inmitten des Nationalparks „Vorpommersche Boddenlandschaft“ steht ein alter Leuchtturm aus roten Mauerziegeln, der noch immer sein Leuchtfeuer auf das Meer hinaus schickt.

1849 in Betrieb genommen, ist er seitdem Zeuge der Entstehung von neuem Land. Abgerungen von den Winden im Westen lagert es sich unaufhaltsam in Nordosten der Halbinsel an. Wer die 134 Stufen der Wendeltreppe erklimmt, hat von rund 28 Metern Höhe eine herrliche Aussicht auf die für Besucher unzugängliche Nordspitze des Darß.

See mit Schilf und Baum
Das junge Anlandungsgebiet Darßer Ort.

Und bis zum Darßer Nothafen nehme ich Euch jetzt mit.

Nach dem Wetterumschwung mit heftigem Gewitter, wurde es wechselhaft. Aber das machte nichts. Denn nach Tagen eines blank geputzten Himmels hüpfte mein Fotografinnenherz voller Vorfreude auf dramatische Wolkenspiele über dem Meer.

Der Himmel hatte noch eine fast geschlossene Wolkendecke als ich an der Seebrücke Prerow ankam und mein Fahrrad anschloss. Ich lief an den verlassenen Strandkörben vorbei in Richtung Norden.

Über fünf Kilometer langer weißer, feiner Sandstrand bis zur Nationalparkgrenze erwarteten mich, der Nordstrand. Es war noch früher Vormittag und kaum Betrieb. Herrlich! Dafür traf ich auf einige neugierige Strandläufer mit spitzen Schnäbeln, die interessiert schauten, nach was ich da so auf dem Boden suchte.

Nebelkrähe am Strand
Auch Nebelkrähen stochern am Spülsaum gerne nach Nahrung.

Natürlich stöberte ich nach orangegelben Bernstein und Muscheln. Je näher die Nationalparkgrenze ins Blickfeld kam, desto unzähliger wurden die kleinen weißen Herzmuscheln. Jeder Schritt unter den Schuhen knirschte. Ich blieb stehen, und ließ den Blick nach Süden schweifen. Ein wunderschönes Plätzchen.

Das wusste man auch schon zu DDR-Zeiten, denn landeinwärts inmitten der Dünen liegt das Regenbogencamp. Die zweieinhalb kilometerlange Ferienanlage entlang des Traumstrands war damals der größte FKK-Zeltplatz.

Wer hier im Sommer hinwollte, brauchte einen langen Atem, Kontakte oder musste ein Schlitzohr sein. Prerow war wie die gesamte Ostsee ein begehrtes Urlaubsziel.

Mittlerweile war die Wolkendecke aufgerissen und die Sonne schien auf den mit braunem Seetang bedeckten weißen Sand. Ich war an der Nationalparkgrenze angelangt, die das neu gewonnene Land vor dem Betreten schützt.

Das ist auch gut so, denn in der unberührten Kernzone des Nationalparks (Schutzzone 1) finden zahlreiche Wasservögel ihre Rast- und Überwinterungsgebiete. Die Vorpommersche Boddenlandschaft mit Fischland-Darß-Zingst gehört nicht umsonst zu den 30 Hotspots der Biologischen Vielfalt in Deutschland.

Ich drehte mich nach Westen und lief entlang der Fahrrinne zum Darßer Nothafen.

Bohlenweg am Strand
Hinter der Nationalparkgrenze liegt die Zufahrt zum Darßer Nothafen.

Einen Besuch von Prerow ohne Darßer Nothafen kann ich mir nicht vorstellen. Aber seine Tage sind gezählt. Schon lange schwelt der Zielkonflikt zwischen Naturschutz und Nutzung des kleinen Hafens, der zur Seenotrettung dient.

Verschärft wird die Situation durch die allgegenwärtige Sedimentation am Darßer Ort. Regelmäßig müssen Bagger ausrücken, um die Fahrrinne zum Nothafen vom Sand zu befreien.

Schiffe im Hafen
Die hellblaue Steffi Prerow im Darßer Nothafen.

Damit ist bald Schluss. Die Planungen des Landes Mecklenburg-Vorpommern und der Gemeinde Prerow sehen vor, dass schon ab 2019 ein kleiner Ersatzhafen an der Seebrücke Prerows entstehen soll.

Der Darßer Nothafen wird im Gegenzug geschlossen und der Natur übergeben. Eine gute Lösung für beide Seiten wie ich finde! Bis dahin wird die „Steffi Prerow“ aber noch am alten Plätzchen vor sich her dümpeln. Wie oft die Dame wohl schon abgelichtet worden ist?

Über den Darßer Nothafen führt ein Bohlenweg zum anderen Ufer. Von hier geht es linkerhand durch den Darßer Wald zurück nach Prerow. Folgt man dem Weg rechts durch Schilf und junges Dünengebiet gelangt man zum Darßer Ort.

Doch für heute machte ich am Hafen Stopp. Eine kleine Lachmöwe hatte meine Aufmerksamkeit geweckt.

Stolz landete sie auf dem Steg und schaute mich kurz prüfend an. Im knallroten Schnabel zappelte ein Plattfisch. Die Möwe ließ ihn auf die Bohlen fallen, wo er noch einige Sekunden in die Luft sprang. Und dann begann der Kampf:

Das Rund muss irgendwie in den Schlund!

Amüsiert beobachtete ich das Schauspiel. Und ich war nicht alleine. Denn die Möwe hatte auch das Begehren eines Graureihers geweckt, der in den flachen Ufern staksend nach Beute Ausschau hielt.

Eine Möwe in seinem Revier? Mit Beute? Das ging nun so gar nicht. Und mit wehendem Federschopf jagte er kurzerhand die lästige Konkurrenz fort.

In meine Fotografie versunken hatte ich glatt die Zeit vergessen. Doch ein Blick zum Himmel, der sich Richtung Osten zunehmend verdunkelte, mahnte mich zum Aufbruch. Es war auf einmal so unglaublich still geworden. Jene Stille, die zweifelsohne ein kommendes Gewitter ankündigt.

Zügig brach ich auf. Doch kaum am Nordstrand angelangt, blieb ich mit offenem Mund staunend stehen. Wie oft bin ich schon dieses Stück Strand gegangen und habe unglaublich viele interessante Stimmungen erleben dürfen?

Aber was sich mir hier nun bot, übertraf wirklich alles. Die Ostsee schillerte wie ein karibisches Juwel. Dunkle Wolken am Horizont kontrastierten mit einem leuchtend türkisblauen Meer und goldgelben Sand. Was für ein Anblick!

Habt Ihr unsere schöne Ostsee schon mal in diesen unglaublichen Farben gesehen?


Anfahrt:

Wozu mit dem Auto?
Mit der Deutschen Bahn nonstop Hannover – Ribnitz-Damgarten West,
Umstieg in den Bus Nr. 210,
vor Ort ein Fahrrad mieten und los geht’s!

Infos kompakt:
Ostseebad Prerow
Darß
Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft
Linie 210 der VRR
Planungen Ersatzhafen Darßer Ort
Hotspots der Biologischen Vielfalt

Autor: HannoverblickOst

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19 Kommentare zu „Karibischer Darß“

  1. Aaah, tolle Möwenfotos! Der Darßer Ort ist wirklich wunderschön – obwohl ich ihn nur bei Schmuddelwetter kenne. So leuchtend ist natürlich noch mal eine andere Nummer. Aber die Steffi ist auf meinen Fotos genauso schlüpferblau wie bei Dir 🙂

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    1. Schön von dir zu hören, Daniel! Ja, wenn ich die Bilder sehe, dann habe ich auch schon zahlreiche Planungen im Kopf! Beste Grüße nach Berlin.

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    1. Wer Meer, Strand, Wald- und Boddenlandschaften liebt, der kann auf Fischland-Darß-Zingst wirklich gar nichts verkehrt machen. Ganz tolle Gegend!

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