Stamm auf Stamm und kein Ende

Der Nachschub scheint dieses Jahr nicht abbrechen zu wollen. Sind die letzten Baumstämme gerade zersägt, zerhackt und abtransportiert, werden schon die nächsten aus dem Wald gezogen.

Kaum erhofft sich am Wochenende das erholungssuchende Ohr endlich Ruhe, kreischen erneut die Kreissagen los und schallt die hämmernde Axt durch den geschundenen Wald.

Wer will sich da schon auf diese Bank setzen?

Sie sind abholbereit. Ordentlich in gut proportionierte Stücke geschichtet, liegen sie schon seit Wochen immer wieder aufs Neue an derselben Stelle am Wegesrand: Buche, Birke, Kiefer, Eiche und ab und zu ein Spitzahorn.

Jedes Jahr, natürlich, denn die Eilenriede in Hannover ist ein Wirtschaftswald. Das wird im Vorfrühling, wenn die Baumernte ansteht, immer wieder deutlich. Doch dieses Jahr erscheint es besonders schlimm.

Xavier, der Orkan, der am 05. Oktober 2017 Hannover lahm legte, hat ganze Arbeit geleistet. Mehr als 400  Bäume soll der Wind gefällt haben, darunter auch kräftige Eichen und Buchen. Sie fanden in dem aufgeweichten Boden nach dem monatelangen Regen keinen Halt mehr. Die Bäume mit ihren meterhohen Wurzeltellern wurden durch den Wind regelrecht  herausgehebelt.

Ich habe meinen  Lieblingswald die Tage danach fast nicht mehr wieder erkannt. Es sah chaotisch aus und viele Wege waren noch lange Zeit wegen gefährlichem Windbruch gesperrt. Die Aufräumarbeiten und die Beseitigung der Sturmschäden  waren bis Anfang diesen Jahres im Gange. Eigentlich sollte da schon die regelmäßige Holzernte beginnen.

Es tut mir in der Seele weh, wenn ich die gefällten Bäume so am Wegesrand sehe. Ab und zu hüpft ein Rotkelchen oder eine Kohlmeise auf der zerkratzten und aufgeplatzten Rinde herum. Und ich bekomme schon fast ein schlechtes Gewissen, wenn ich die Muster als fotogen empfinde.

Wie würde ich wohl reagieren, wenn all das in meinem Lebensraum passieren würde?

Die Eilenriede und ihre Waldbewohner müssen ziemlich viel aushalten. Nutzungsdruck von allen Seiten. Da sind die Erholungssuchenden, die Sporttreibenden, die Mountainbiker, die Sonnenanbeter, die Grillfreunde und die vielen Vierbeiner, die mit ihren Hinterlassenschaften den Boden an einigen Stellen stärker düngen als ihm gut tut.

Und mehr als manchmal hört man statt lieblichen Vogelgesangs ein verzweifeltes „HIA“, „HIA“ (übersetzt: Hierher!), wenn der geliebte Schützling mal wieder mit seiner meterlangen Leine im Schlepptau durch das Unterholz jagt und seine Nase in die Kinderstube so manchen Vogels hält.

Ich frage mich, wie erschreckt würde der unverbesserliche Hundefreund wohl sein, wenn auf einmal die Spitze eines kleinen Segelflugzeuges durch das Fenster in sein Kinderzimmer gucken würde? 🙂

Klar, der Vergleich hinkt. Und nein, die meisten Hundebesitzer sind nicht so. Doch bei manch einem habe ich das Gefühl, dass sich seine Liebe nur auf Tiere mit Fell und vier Beinen beschränkt. Leider!

Die Eilenriede ist durchzogen von den Spuren des Abtransports der vielen Baumstämme. Überall liegen Haufen voller Äste und Zweige neben hochstehenden Baumtellern. Ich hoffe, dass der beginnende Frühling nun rasch die Narben der vergangenen Monate verdecken wird. Totholz ist gut für den Naturwald, aber was zu viel ist, ist zuviel.

Übrigens setzen Hannover Stadtförster zur Holzernte Pferde ein, so genannte Rückepferde. Einen hübschen schwarzen Kaltblüter habe ich schon die Jahre zuvor gesehen. Ich finde das sehr vorbildlich, denn der Einsatz von Pferden schont den Boden. Er verdichtet nicht die Waldkrume wie schweres Gerät.

Leider habe ich kein Bild von dem Pferd. Aber die Nordwestzeitung hat in ihrem Fundus eine schöne Bildstrecke aus dem Jahre 2013. Der Schwarze ist wirklich ein Prachtexemplar!

Es ist schön zu sehen, dass nun die Buschwindröschenblüte langsam beginnt. Und vor allem an den Wegesändern wachsen rasendschnell die giftgrünen Halme des Berliner Bärlauchs (Allium paradoxum). Da er eine invasive Art ist, wird er nicht gerne gesehen.

Und ich bin zwiegespalten. Er hat so wunderschön bizarre Blüten, die mich immer wieder aufs Neue faszinieren. Deshalb wird er auch Wunder-Lauch genannt. Hier gibt es ein paar Bilder von diesem Kunstwerk. Aber leider verdrängt der Neuankömmling einheimische Pflanzen ähnlich wie auch das ziemlich penetrante Indische Springkraut (Impatiens glandulifera).

Hoffentlich hat das Gesäge und Gehämmere bald sein Ende, die Tierwelt findet ihre Ruhe und unsereiner kann sich wieder mit vollem Genuss diesem wunderschönen Stadtwald hingeben.

Und wie dies nach den doch ein wenig deprimierenden Bildern aussehen kann und wird, will ich Euch natürlich nicht vorenthalten…

grüner Frühlingswald mit weißen Buschwindröschen

Genießt die ab morgen erwarteten warmen Sonnentage!

 

 

Autor: HannoverblickOst

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5 Kommentare zu „Stamm auf Stamm und kein Ende“

  1. Du schreibst mir aus dem Herzen.
    Wir leben am Rande der Elm, ein Staatsforst und Nutzwald im Landkreis Osterholz. Die Arbeitspferde wurde schon vor vielen Jahre durch mächtige Harvester ersetzt, die Wald und Boden zerstören. Geht schneller, sind billiger. Nutzwald eben. Was scheren uns die wilden Waldbewohner. In diesem Jahr werden auch entlang der Straßen und besonders der Autobahnen und Eisenbahnstrecken unglaublich viele Bäume vernichtet. Lebensräume für Insekten und Vögel. „Xavier“ hat nackte Panik hervorgerufen. Xavier hat übrigens auch die uralte Mackenseneiche in Worpswede gefällt. Grüsslies MAren

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    1. Ja, das ist wirklich sehr schade. Profit statt Nachhaltigkeit. Ich hoffe, dass viele Bäume nachgepflanzt werden. Aber bis die dann den gleichen ökologischen Wert haben, das dauert. LG Simone

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  2. Hallo Simone,
    Deine Kommentare bezüglich der unverbesserlichen Hundefreunde hat mich an einige meiner Ausflüge in den Tiergarten Kirchrode erinnert. Dort sind Hunde und Fahrräder verboten. Das Gelände mit Dammwild hat viele Gehwege, die teils auch durch Naturwald führen. Und statt nicht gut erzogener Hunde gibt es dort immer wieder Erwachsene, die überhaupt kein Gefühl für die Tiere haben. So rennen sie mit den Armen weit gestikulierend auf drohende Gänse zu, die ihr Revier verteidigen wollen und lachen sich dann halbtot.
    Ich habe auch nichts gegen Jogger, aber wenn man mal stehenbleibt, weil ein Grünspecht ganz nah am Baum sitzt, so haben diese überhaupt keinen Blick dafür und traben laut redend vorbei, so dass alle Vögel flüchten. Alle wollen in die Natur und zeigen dann, wie wenig sie ihnen teilweise bedeutet. Ich bekomme immer ein ganz warmes Herz, wenn ich lese, wie Du die Natur zu einem Teil von Dir machst. Schön- vielen Dank.
    Gruß
    Esther

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    1. Ja, leider verlieren die Menschen zunehmend die Sensibilität für die Schutzbefürftigkeit der Natur. Manchmal ist es aber auch nur Gedankenlosigkeit.
      Es freut mich, wenn ich mit meinen Berichten Herzen erwärmen kann! 🙂 LG Simone

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