Ich bin mal kurz in Amazonien

Ich bin mal kurz in Amazonien, dachte ich… Genau genommen war ich dann aber ganze 14 Tage weg. Und das Unglaubliche: Der Trip hat mich nur 11,50 Euro gekostet und das direkt ab Hannover. Nein, stimmt nicht ganz, eine Führung war auch noch dabei, also zwei Euro Informationszuschlag. Welche Airline kann das schon bieten?

Ein wenig befremdlich sieht das grüne Bauwerk mit der weißen Schrift von außen ja schon aus. Irgendwie erinnerte es mich sofort an die 200 Liter Regentonne in meinem Garten. Und Regen trifft die Sache schon ganz gut, nur das in der 32 m hohen Rotunde am Zoo Hannover gleich ein ganzer Regenwald untergebracht ist.
Nun ja, nicht wirklich, sondern als weltweit größtes 360-Grad-Natur-Panoramabild mit einer Länge von 110 Metern. Das ergibt bei einer Höhe von rund 30 Metern unglaubliche 3.300 Quadratmeter Bildfläche!

Wie schafft man es, den größten und artenreichsten Uwald der Welt mit all seinen vielen Facetten so zu komprimieren, dass er auf ein einziges Bild in eine runde Tonne passt? Und kann ein Bild überhaupt der Faszination Regenwald annähernd gerecht werde, ohne ins Banale und  Langweilige abzugleiten?

Werde ich, die die direkte und unverfälschte Naturerfahrung liebt, begeistert sein oder eher enttäuscht? Viele Gedanken gingen mir durch den Kopf, als wir Amazonien betraten und wenige Minuten später vor Wiebke Janßen standen, eine der netten Guides vom Panorama am Zoo.

„Haben Sie schon mal ein Panometer besucht?“ war ihre erste Frage an uns. Wir verneinten. Und schon waren wir mitten im Thema der halbstündigen  Führung. Schöpfer des Panometers ist der in 1955 Wien geborene Iraner Yadegar Asisi. Die Wortschöpfung Panometer ist seine eigene Kreation, zusammengesetzt aus den Worten PANOrama und GasoMETER. Und warum?

Weil der Künstler, der Architektur in Dresden und Malerei in Berlin studierte, sein erstes Panorama EVEREST im Gasometer in Leipzig ausstellte. Das war 1993 anlässlich des 50. Jahrestags der Erstbesteigung des höchsten Bergs der Welt.

Zugleich war es der Startschuss für die Erfolgsstory von 12 seiner weiteren Riesenbilder, darunter das Great Barrier Reef. Das Korallenriff wurde 2016 mit zwei weltweit begehrten Designerpreisen ausgezeichnet.

Asisi ist also nicht irgendwer, sondern hat in seinem Gebiet der Panometer ein Alleinstellungsmerkmal. Und so wurde extra für ihn in Hannover und erstmalig in Norddeutschland ein rundes Ausstellungsgebäude gebaut, um seinem Amazonien ein neues Zuhause zu geben. Bis 2017 war der brasilianische Regenwald in Leipzig zu sehen, davor in Rouen. Seit November letzten Jahres hat Hannover nun eine neue Attraktion.

„Ich muss etwas zeichnen, um es richtig begreifen zu können!“ Einige der originalen Skizzen von Amazonien hängen in der Eingangshalle, Eindrücke seiner viermaligen Reisen in den Regenwald. Asisi hat für seine Panometer eine Technik adaptiert,  die bereits im 19. Jahrhundert bei der Bevölkerung sehr beliebt war.

Mehr  wird an dieser Stelle aber nicht verraten. Denn zur Entstehungsgeschichte, zu den Hintergründen von Amazonien und natürlich zum Regenwald gibt es die informative Führung und einen Kurzfilm im Foyer. Wer das Projekt gerne mit nach Hause nehmen möchte, wird im Shop fündig. Eine DVD, ein Buch oder das komplette Panorama in Kleinformat für die heimische Wand warten auf den doch eher etwas zahlungsbereiteren Abnehmer.

Nach den Informationen stieg nun zunehmend unsere Spannung! Als wir die riesige Rotunde betraten, ging gerade die Sonne im Urwald unter und die Dämmerung brach an. Ein gewaltiges Konzert an unterschiedlichen Tierstimmen erfüllte den Raum. Es sind Originalaufnahmen hinterlegt mit einer komponierten Musik von Eric Babak.

Die Brettwurzeln der 30 Meter hohen Baumriesen schienen aus dem Bild, das sich nun von orangerot in nachtblau verfärbte, förmlich hervorzutreten. Diese Höhe, diese Tiefe, ein unglaublicher Eindruck! „Wow!!“

In der Mitte des Raums steht der pagodenartige Turm, ausgerüstet mit einer ausgefeilten Licht- und Tontechnik. Auf drei Plattformen in unterschiedlicher Höhe kann man sich die Details des Naturpanoramas genauer anschauen.

Doch bevor wir die sechs Meter, zwölf Meter und 15 Meter Höhe erklimmen wollten, genossen wir das Parterre mit diesem Gefühl der Ehrfurcht als Mensch so winzig klein zu sein. Wer sich ganz der Stimmung hingeben möchte, nimmt auf den bequemen Stühlen Platz oder legt sich auf die Liegekissen auf den Boden. Das hoben wir uns aber als Ausklang bis zum Schluss auf.

Nun ging es erstmal auf Entdeckungstour des Bildes. Denn nur auf dem Boden hat man die Chance, berührungsnah an die Collage zu kommen und die Details zu erkunden. Faszinierend, was man da alles nach und nach erst auf den zweiten oder dritten Blick entdeckt.

Asisi hat das Panorama so gestaltet, dass man als Besucher im naturgetreuen Maßstab 1 zu 1 wie auf einer Lichtung steht und in diesen faszinierenden Dschungel hineinblickt. Alles ist real, denn die Grundlage des Panoramas sind Tausende von Fotos.

Und doch ist zugleich alles fiktiv und als verdichtete Collage nach den Eindrücken des Künstlers zusammengesetzt.  Es ist seine ganz persönliche Imagination von Artenvielfalt und Schönheit.

Da sieht man dann auch gerne darüber hinweg, dass ab und zu die Größe der in das Bild gesetzten Tiere nicht ganz so stimmig ist. Wie aber soll man sonst ohne Fernglas die kleinen Ameisen und Raupen entdecken können?

Wobei ein Fernglas keine schlechte Idee ist, dann findet man auch schneller die fünf Jaguare im Bild. Und irgendwo soll ja auch noch die traditionell in allen Panometern versteckte winzige Bierflasche sein.  Das könnte ein guter Tipp für Kinder sein, denen der Besuch vielleicht schneller langweilig werden könnte, als ihren Eltern lieb ist. 🙂

Mittlerweile waren wir schon 10 Tage in Amazonien, denn hier dauert ein Tag nicht 12 Stunden, sondern 15 Minuten. Und immer wieder war es beeindruckend, den Wechsel von Tag und Nacht zu erleben und seine Sinne von den unterschiedlichen Lichtstimmungen und den vielen Geräuschen intensiv beeinflussen zu lassen.

Nun wollten wir aber das nächtliche Gewitter auch mal von 15 Metern Höhe in den Baumwipfeln betrachten. Wir wurden nicht enttäuscht. Fast für uns alleine konnten wir die Sicht in die Weite genießen. Wenn nach den Blitzen und Donnern der Starkregen einsetzt, einfach mal die Augen schließen. Die Illusion ist perfekt!

Wie sich 14 Tage Amazonien anfühlen? Toll!

Wer allerdings in der großen grünen Tonne am Zoo ein Spektakel mit bewegten Bildern à la Avatar erwartet, wird wohl enttäuscht sein. Wer hier dagegen nur ein bloßes Riesenbild erwartet, wird sicher positiv überrascht werden. Und wer sich auf die Simulierung einlassen kann und bereit ist, auf Entdeckertour zu gehen, wird begeistert sein.

Ich denke letzteres ist ganz im Sinne des Künstlers, der nicht mit erhobenem Zeigefinger kommen möchte. Die Informationstafeln über das Ökosystem Regenwald sind daher knapp gehalten. Im Vordergrund steht das sinnliche Erleben, das im Idealfall die Liebe zum sensiblen und stark bedrohten Ökosystem Regenwald wecken und vertiefen kann. Denn nur was man liebt, wird man auch schützen wollen.

Wir genossen jedenfalls noch ganz entspannt in der Horizontalen unsere letzten zwei Tage Regenwald und gingen dann entschleunigt und zufrieden in die sonnabendliche Stadtwelt von Hannover hinaus.

Vielen Dank für die freundliche Genehmigung von Panorama am Zoo zur Veröffentlichung der Innenaufnahmen für diesen Beitrag. Und ein großes Dankeschön an meine Begleitung für die Geduld, sich für die Fotos stets in Pose zu setzen!  Nach den Vorgaben des Künstlers dürfen Aufnahmen des Panoramas nämlich nur im Zusammenhang mit den Besuchern/ des Raumes veröffentlicht werden.
Ich berichte unabhängig und ohne Gegenleistung. Der Beitrag gibt daher meine ganz persönliche Meinung wieder.

Weitere Infos:
Panorama am Zoo
Yadegar Asisi
Regenwaldprojekte des WWF

Autor: HannoverblickOst

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12 Kommentare zu „Ich bin mal kurz in Amazonien“

  1. Hm, jetzt hast du meine Neugier geweckt 🙂 Ich dachte, dort wären Vögel untergebracht. Von dieser Panoramawelt wußte ich gar nichts. Also beim nächsten Zoobesuch 🙂 Danke für die schönen Anregungen. Scheint ja toll zu sein!! LG, Almuth

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